Der Pflegegrad 3

Es besteht gegenwärtig noch keine gesetzliche oder anderweitig rechtsverbindliche Feststellung der Voraussetzungen des Pflegegrades 3.

Die nachfolgenden Ausführungen beruhen auf dem Abschlussbericht "Analysen für die Entwicklung von Empfehlungen zur leistungsrechtlichen Ausgestaltung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs", den das Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld (IPW) und den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung Westfalen-Lippe (MDK WL) im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums erstellt haben.

Auf der Grundlage dieser Untersuchung könnte der Pflegegrad 3 wie nachfolgend dargestellt definiert bzw. anhand von Beispieldiagnosen näher umrissen werden:

In den Pflegegrad 3 werden Personen mit und ohne Einschränkung der Alltagskompetenz eingestuft, überwiegend, etwa zu drei Vierteln, jedoch mit eingeschränkter Alltagskompetenz, also mit kognitiven Einschränkungen.

Personen ohne Einschränkung der Alltagskompetenz

Diese Betroffenen des Pflegegrades 3 ohne eingeschränkte Alltagskompetenz haben schwere motorische Beeinträchtigungen. Sie haben beispielsweise Teil-Lähmungen der Arme und Beine als Folge eines Schlaganfalles, eine multiple Sklerose oder Rückenmarkserkrankungen. Sehr viele Personen haben Probleme beim Stehen und Gehen und auch Funktionsstörungen der Arme. Sie sind jedoch in der Lage, sich mit Hilfsmitteln im begrenzten Umfang selbst fortzubewegen und zumindest eine Hand zu gebrauchen.

Kognitiv liegt keine Beeinträchtigung vor. Die Personen haben aber oft aufgrund der schweren Erkrankung eine depressive Stimmungslage.

Hilfen bei Alltagsverrichtungen

Bei Personen des Pflegegrades 3 ohne Einschränkung der Alltagskompetenz sind zeitlich umfangreiche Hilfen beim Waschen und Kleiden sowie beim Ausscheiden notwendig. Die Betroffenen können nach Anreichen der notwendigen Gebrauchsgegenstände sich beispielsweise noch das Gesicht waschen, Zähne putzen, Rasieren, mundgerecht zubereitete Nahrung wenigstens teilweise alleine essen und trinken. Oft ist eine Hilfe beim Umsetzen notwendig, manchmal können sich die Betroffenen aber noch begrenzt in der Wohnung bewegen. Der Zeitaufwand bei der Grundpflege liegt zwischen 131 und 278 Minuten. Die Häufigkeit der grundpflegerischen Leistungen liegt zwischen 8 und 14 Mal pro Tag.

Psychosoziale Unterstützung

Ein psychosozialer Unterstützungsbedarf bei Menschen im Pflegegrad 3 ohne eingeschränkte Alltagskompetenz ist 3 bis 6 Mal am Tag erforderlich, hauptsächlich in Form von Anreichen von Gegenständen zur Beschäftigung, von Telefon, von Fernbedienung, der Regelung finanzieller Angelegenheiten. Aber auch das gemeinsame Fernsehen, Vorlesen, Gespräche, also gemeinsame Beschäftigungen, die auch unter gesunden Personen üblich sind, und Zuspruch bei depressiver Stimmungslage gehören zum Hilfeprogramm. Angehörigen wenden hierfür wenigen Minuten oder aber auch mehreren Stunden täglich auf.

Nächtlicher Hilfebedarf

Bei fast allen Personen ist eine nächtliche Unterstützung erforderlich, etwa in Form Hilfestellung beim Lagern oder Ausscheiden.

Präsenz am Tage

Alle Betroffenen des Pflegegrades 3 ohne Beeinträchtigung der Alltagskompetenz sind in der Lage, Gefahren zu erkennen und ein Telefon zu bedienen. Sie können über mehrere Stunden alleine in der Wohnung gelassen werden.

Unterstützung beim Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen

Alle Personen dieser Gruppe haben einen erheblichen Unterstützungsbedarf bei der Medikamentengabe, beim Anziehen von Kompressionsstrümpfen, Blutzucker messen und Spritzen von Insulin. Es ist auch möglich, dass Betroffene mehrmals täglich katheterisiert und mehrmals wöchentlich zu Therapien gebracht werden.

Organisation der Hilfen

Überwiegend werden die umfangreichen Hilfeleistungen für Personen des Pflegegrades 3 ohne eingeschränkte Alltagskompetenz von den Ehepartnern erbracht. Selbstverständlich ist es auch möglich, dass mehrmals wöchentlich ein Pflegedienst eingeschaltet wird.

Atypische Fallbeispiele:

Denkbar ist auch die Fallkonstellation, dass eine berufstätige Ehefrau ihren Mann morgens vor der Arbeit versorgt und ihm Speisen, Getränke, Telefon und Fernbedienung hinstellt, damit er bis zum Nachmittag alleine zurechtkommt.

Noch ein Beispiel: Der Pflegebedürftige kann sich nur in geringem Umkreis alleine mit dem Rollstuhl bewegen. Er kann nicht alleine die Toilette benutzen. An Wochentagen kommt deshalb vormittags ein Pflegedienst, um beim Toilettengang zu helfen. Zweimal wöchentlich übernimmt der Pflegedienst auch das Duschen. Zur Sicherheit trägt der Pflegebedürftige Inkontinenzprodukte. Der festgestellte Zeitaufwand in der Grundpflege spiegelt in diesem Fall mit etwas mehr als 2 Stunden das Ausmaß der Selbständigkeitseinbußen nicht korrekt wider.

Ein weiteres Beispiel: Ein Pflegebedürftiger mit einer multiplen Sklerose hat derzeit einen Hilfebedarf von 280 Minuten, nach der alten Rechtslage war er in Pflegestufe 3 eingruppiert. Er wird von seiner Ehefrau pflegerisch versorgt. Er kann sich alleine beschäftigen, empfängt Besuche in seiner behindertengerechten Wohnung, in der alles auf ihn eingerichtet ist. Er kann im Freien allein mit einem Elektrorollstuhl fahren.

Personen mit eingeschränkter Alltagskompetenz

Zu dieser Gruppe der Personen im Pflegegrad 3 mit Einschränkungen der Alltagskompetenz gehören vor allem Menschen mit Demenzerkrankung oder geistiger Behinderung. Wenn überhaupt, liegt nur eine geringe Beeinträchtigung der Mobilität vor.

Hilfen bei Alltagsverrichtungen

Alle diese in den Pflegegrad 3 eingestuften Personen benötigen Aufforderung und Anleitung zur Durchführung der Grundpflege, einige auch geringe Teilübernahmen. Alle Personen können wesentliche Anteile der seit Jahren und Jahrzehnten eingeübten Abläufe beim Waschen und Kleiden noch selber durchführen. Sie müssen jedoch zum Toilettengang angeregt werden oder erhalten hier zum Teil Hilfen. Insgesamt liegt der Zeitaufwand in diesem Bereich nur zwischen 8 und 74 Minuten, somit im Bereich der alten Pflegestufe 1. Wie bei der Gruppe der Personen mit Pflegegrad 2 und eingeschränkter Alltagskompetenz finden sich im Bereich Pflegegrad 3 auch Personen mit 8 bis 10 Minuten Grundpflegezeit. Aber auch hier liegt dann eine erhöhte Einsatzfrequenz von 10 Mal pro Tag vor. Andere Personen benötigen hingegen beispielsweise nur einmal täglich eine Anleitung zur Grundpflege, aber dann etwa mindestens 4 Mal pro Tag Hilfe beim Blutzuckermessen und Spritzen von Insulin, beim Einhalten der Diät oder beim Umgang mit einem suprapubischen Blasenkatheter.

Psychosoziale Unterstützung

In den Bereichen Kognition und Verhaltensweisen liegt bei den Betroffenen des Pflegegrades 3 aus dem Bereich eingeschränkter Alltagskompetenz immer eine schwere bis schwerste Beeinträchtigung vor. Der Bedarf an psychosozialer Unterstützung ist sehr hoch und liegt zwischen 6 Mal pro Tag bis ständig. Alle Betroffenen benötigen Vorgaben zur Tagesstrukturierung und Beschäftigungsangebote. Bei einigen Betroffenen ist häufiges Eingreifen erforderlich, weil sie zu Fehlhandlungen neigen.

Nächtlicher Hilfebedarf

Ein nächtlicher Hilfebedarf muss nicht vorhanden sein, kann aber beispielsweise zwischen 3 Mal wöchentlich und 2 Mal pro Nacht gegeben sein.

Präsenz am Tage

Die überwiegende Zeit am Tage ist eine Präsenz der Pflege- bzw. Betreuungsperson notwendig. Einige Betroffene mit dem Pflegegrad 3 mit eingeschränkter Alltagskompetenz haben geregelte Schlafenszeiten, die von den Angehörigen zu außerhäuslichen Erledigungen genutzt werden.

Nur wenige Betroffene werden über mehrere Stunden alleine gelassen. Nur sehr selten leben Betroffene noch allein und erhalten Unterstützung von einem Pflegedienst oder Nachbarn.

Unterstützung beim Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen

Die meisten Betroffenen des Pflegegrades 3 mit eingeschränkter Alltagskompetenz haben nur geringen Unterstützungsbedarf beim Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen, etwa der Medikamentengabe. Einige haben allerdings einen Diabetes mellitus. Sie benötigten dann oft nicht nur Hilfe beim Blutzucker messen und Insulin spritzen, sondern auch Unterstützung bzw. Aufsicht beim Einhalten der Diät, da sie aufgrund ihrer kognitiven Beeinträchtigungen die Notwendigkeit, auf Süßes zu verzichten, nicht mehr einsehen können.

Organisation der Hilfen

Einige Betroffene leben in betreuten Wohnanlagen. Sie erhalten Grundpflegesachleistungen und auch Betreuungsleistungen nach § 45b SGB XI.

Wenn die Personen des Pflegegrades 3 mit eingeschränkter Alltagskompetenz noch allein lebenden, erhalten sie mehrmals täglich Sachleistungen und mehrmals wöchentlich niedrigschwellige Betreuungsleistungen.

Meistens leben die Betroffenen jedoch innerhalb einer Familie.

Im Falle einer geistigen Behinderung im jungen Alter kann eine Tätigkeit in einer Werkstatt möglich sein, neben zusätzlichen Förderungen.

Besonderheiten

Es gibt auch Personen innerhalb dieses Pflegegrades 3 mit eingeschränkter Alltagskompetenz mit einem Grundpflegebedarf von lediglich 8 bis 31 Minuten. Sie zeigen dann aber ausgeprägte Verhaltensauffälligkeiten wie Unruhe, Aggressivität, Wahnverhalten, inadäquate Handlungen. Sie müssen nahezu rund um die Uhr beaufsichtigt werden. Durch gute Beobachtung und rechtzeitige beruhigende Ansprache können die Ausbrüche minimiert werden.

Pflege muss die Menschenwürde achten

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