Der Pflegegrad 4

Es besteht gegenwärtig noch keine gesetzliche oder anderweitig rechtsverbindliche Festlegung des Pflegegrades 4.

Die nachfolgenden Ausführungen beruhen auf dem Abschlussbericht "Analysen für die Entwicklung von Empfehlungen zur leistungsrechtlichen Ausgestaltung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs", den das Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld (IPW) und den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung Westfalen-Lippe (MDK WL) im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums erstellt haben.

Auf der Basis dieser Untersuchung könnte der Pflegegrad 4 wie nachfolgend dargestellt definiert bzw. anhand von Beispieldiagnosen näher umrissen werden:

In den Pflegegrad 4 werden Personen mit und ohne Einschränkung der Alltagskompetenz eingestuft, überwiegend, etwa zu zwei Dritteln, jedoch mit eingeschränkter Alltagskompetenz, also mit kognitiven Einschränkungen.

Personen ohne Einschränkung der Alltagskompetenz

Personen im Pflegegrad 4 ohne Einschränkung der Alltagskompetenz sind oft durch eine vollständige Immobilität gekennzeichnet. Diese kann z.B. auf einer fortgeschrittenen multiplen Sklerose oder einer Querschnittslähmung beruhen. Möglicherweise ist der Grund aber auch eine ausgeprägte körperliche Schwäche bei hohem Alter. Teillähmungen durch frühere Schlaganfälle, Oberschenkelamputation und Diabetes mellitus sind nicht unüblich. Alle Betroffenen in diesem Bereich des Pflegegrades 4 (ohne eingeschränkte Alltagskompetenz) sind kognitiv noch weitgehend orientiert, können ihre Krankengeschichte noch selbst berichten, zeigen aber Konzentrationsstörungen, Verlangsamung, Angst und Stimmungsschwankungen aufgrund ihrer schweren Erkrankungen.

Hilfen bei Alltagsverrichtungen

Die Grundpflege muss bei allen Personen im Pflegegrad 4 ohne eingeschränkte Alltagskompetenz fast vollständig übernommen werden. Restfähigkeiten bestehen zum Teil noch beim Trinken und Essen. Der Zeitaufwand liegt zwischen 184 und 300 Minuten. Der relativ niedrige Zeitaufwand von 184 Minuten ist aber eher die Ausnahme.

Psychosoziale Unterstützung

Alle Personen im Pflegegrad 4 ohne eingeschränkte Alltagskompetenz benötigen Zuspruch und Anregung, zum Teil auch stützende und emotional entlastende Gespräche. Zum Fernsehen oder Radiohören müssen die Geräte angestellt bzw. die Fernbedienung angereicht werden. Alle anderen Beschäftigungen sind nur mit personeller Unterstützung möglich. Der zeitliche Umfang liegt bei 1 bis 5,3 Stunden.

Nächtlicher Hilfebedarf

Alle Personen benötigen 2 bis 3 Mal in der Nacht Hilfe beim Lagern, Wechseln der Inkontinenzprodukte und beim und Trinken.

Präsenz am Tage

Alle Personen des Pflegegrades 4 ohne Einschränkung der Alltagskompetenz sind noch in der Lage, Gefahren zu erkennen, zu rufen und bei Erforderlichkeit einen Notruf zu bedienen. Eigenständige Telefonbenutzung ist allerdings nicht mehr möglich. In den meisten Fällen ist jedoch eine Betreuungsperson in Rufweite. Die Personen werden höchstens für eine Stunde alleine gelassen.

Unterstützung beim Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen

Krankheitsbedingte Anforderungen bestehen beispielsweise für Medikamentengaben, Wundversorgung, Sauerstoffgaben, Blutzuckermessung und Insulingaben oder Bewegungsübungen zur Vermeidung von Kontrakturen.

Organisation der Hilfen

Die pflegebedürftigen Personen im Pflegegrad 4 ohne eingeschränkte Alltagskompetenz werden in aller Regel rund um die Uhr von einer Pflegekraft betreut, meistens von Familienangehörigen. Für bestimmte Verrichtungen ist es nicht unüblich, einen Pflegedienst, etwa zum Baden, einzusetzen.

Personen mit eingeschränkter Alltagskompetenz

Bei Personen mit Pflegegrad 4 mit eingeschränkter Alltagskompetenz liegt fast immer eine Demenzerkrankung vor, ganz überwiegend im fortgeschrittenen Stadium. Personen mit weniger ausgeprägten Formen der Demenz, die den Pflegegrad 4 erreichen, haben zusätzliche Erkrankungen wie Morbus Parkinson, Halbseitenlähmung nach Schlaganfall oder Blindheit.

Hilfen bei Alltagsverrichtungen

Bei allen Personen des Pflegegrades 4 mit Einschränkungen in der Alltagskompetenz muss die Grundpflege überwiegend oder vollständig übernommen werden. Einige können unter Anleitung noch mithelfen oder mundgerecht zubereitete Nahrung selbst aufnehmen. Etwa die Hälfte der Pflegebedürftigen kann noch gehen, benötigt aber Begleitung oder Beaufsichtigung wegen Sturzgefahr oder Neigung zu Fehlverhalten. Der Zeitaufwand liegt zwischen 128 und 250 Minuten. Die Personen mit dem niedrigeren Zeitaufwand sind mobiler, können noch alleine essen, sind aber auch aktiver und benötigen deshalb mehr Aufsicht.

Psychosoziale Unterstützung

Alle Personen im Pflegegrad 4 mit eingeschränkter Alltagskompetenz sind auf häufige bis ständige Anregung angewiesen. Tagesstrukturierung ist selbständig in keiner Weise mehr möglich, jegliche Beschäftigung muss angeleitet werden.

Oft ist sogar eine ständige Ablenkung zur Vermeidung von Fehlhandlungen notwendig. Die Zeiten für die psychosoziale Unterstützung liegen bei einer bis zu 24 Stunden. Die aktive Betreuung durch Angehörigen ist oft mit ständiger Präsenz mit kurzem Eingreifen verbunden.

Nächtlicher Hilfebedarf

Alle Personen des Pflegegrades 4 mit eingeschränkter Alltagskompetenz haben einen nächtlichen Hilfebedarf, der in der Regel zwischen einmal bis sechsmal pro Nach liegt.

Neben Lagern und Wechsel des Inkontinenzmaterials müssen insbesondere die mobilen Personen bei nächtlicher Unruhe mehrfach beruhigt und wieder zu Bett gebracht werden.

Präsenz am Tage

Beinahe alle Personen im Pflegegrad 4 mit Einschränkungen der Alltagskompetenz werden rund um die Uhr beaufsichtigt. Nur selten kann jemand für mehrere Stunden am Tag alleine gelassen werden. Das ist nur möglich, wenn die Demenz noch nicht so weit fortgeschritten ist. Oft ist es dann so, dass eine fast vollständige Immobilität vorliegt, so dass sich die Person dann nicht in Gefahr bringen kann.

Unterstützung beim Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen

Die krankheitsbedingten Anforderungen sind bei dieser Personengruppe (Pflegegrad 4 mit eingeschränkter Alltagskompetenz) nur gering oder mäßig ausgeprägt. Die meisten erhalten nur Medikamente oder Begleitung zu Arztbesuchen.

Organisation der Hilfen

Oft werden Personen des Pflegegrades 4 mit eingeschränkter Alltagskompetenz alleine von ihren Ehegatten ohne weitere Hilfen versorgt. Andere erhalten zusätzlich zur familiären Versorgung Sachleistungen, etwa wöchentlich zum Baden. Andere erhalten mehrfach täglich Besuch von einem Pflegedienst. Möglich ist auch, dass nur Geldleistungen fließen, dann, wenn eine Rundumbetreuung durch nicht professionelle Kräfte erfolgt.

Betreuungsleistung nach § 45b SGB XI können ebenfalls zum Tragen kommen, etwa in Form von Tagespflege.

Pflege muss die Menschenwürde achten

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